Gute Reise, kleine Meise“ ist das Stichwort für eine berührende Episode in meiner Praxis. Eine Mitarbeiterin der lokalen Rettungswache brachte mir einen Vogel mit Anflugtrauma: eine junge Blaumeise. Sie hatte sich auf der Wache in Ruhe und Dunkelheit von ihrer Bewusstlosigkeit erholt, war aber noch nicht wieder flugfähig. Immerhin schaute sie schon wieder recht munter und wirkte unverletzt.

Eine Nacht in Ruhe und Dunkelheit – mit ein paar schnell zurechtgeschnittenen Zweigen, ein paar Wassertropfen (als „Tau“ an den Zweigen) und einer fein gehackten ungesalzenen Erdnuss als Angebot.

Am frühen Morgen war die kleine Meise wieder in der Lage, eine kurze Strecke koordiniert zu fliegen. Die diensthabende Mitarbeiterin der Rettungswache übernahm den kleinen Vogel wieder und setzte ihn in einem Busch nahe der „Absturzstelle“.

Was ist zu tun, wenn man einen jungen Vogel findet?
Dieser Blogpost soll eine kleine praktische Hilfe sein – und gleichzeitig realistische Erwartungen setzen. Hier kommen die Entscheidungspunkte – die Fragestellungen – die bei der Einschätzung eines gefundenen Vogels helfen:

1. Braucht der Vogel wirklich Hilfe?

Sie müssen unterscheiden zwischen Nestling oder Ästling. Wenn Sie unsicher sind: ein Foto kann helfen.

Nestlinge sind noch nackt oder nur wenig befiedert. Wenn sie außerhalb des Nests liegen, brauchen sie dringend fachkundige Hilfe.

Ästlinge sind bereits befiedert, aber noch nicht (voll) flugfähig. Oft sind sie kein Notfall! Die Elterntiere versorgen ihre „Teenies“ am Boden. Man sollte Ästlinge nicht mitnehmen, ausser wenn sie verletzt oder in akuter Gefahr sind (Katze, Straße). Denken Sie bitte daran: die Elterntiere sind in der Nähe. Menschen gegenüber sind sie jedoch hilflos.

Wenn man den Vogel aber mitnehmen muss:

Bestimmung der Art: Fotos benötigen die Experten von den Wildvogelstationen für ihre ersten Einschätzungen aus der Ferne.

Bestimmung Standort: Adresse, Foto … . Denn überlebende Wildtiere müssen an ihren Standort zurückgebracht werden (natürlich an ein sicheres Plätzchen dort).

 

Hund - Online-Beratung der Saussbachpraxis

2. Wann eingreifen – Erste Hilfe für Wildvögel

Nehmen Sie einen Wildvogel nur dann aus der Natur, wenn

– offensichtliche Verletzungen wie Blutungen oder gebrochene Flügel

– Bewusstlosigkeit/Krampfanfälle

– starke Abmagerung und/oder Apathie

vorliegen.

Wenn der Vogel vollständig geheilt, also die Wildbahntauglichkeit wieder hergestellt werden kann, darf er versorgt werden. Eventuelle Kosten trägt der Auftraggeber; dies bitte rechtzeitig abklären. Auffangstationen arbeiten in der Regel ehrenamtlich, sind also auf Spenden angewiesen.

Und: das Tier muss so bald wie möglich wieder in sein angestammtes Revier zurückgegeben werden (siehe Artenschutzgesetz).

 

Ein paar Sicherheitsmaßnahmen müssen sein:

– Handschuhe zum Schutz vor übertragbaren Krankheiten – Zoonosen. Ein Tuch reicht meistens auch, und der Vogel kann sofort abgedeckt werden.

– Dunkelheit und Ruhe: ein abgedeckter Karton evt mit Luftlöchern reicht oft aus. In Ruhe und Dunkelheit können sich viele Vögel so weit erholen, dass sie von selbst wieder starten können.

– kein Futter anbieten: falsches Futter kann tödlich sein. Seien wir ehrlich: die meisten Menschen sind nicht mal ansatzweise in der Lage, einen Wildvogel artgerecht zu füttern. Falls der Vogel also längere Zeit gepflegt werden muss, braucht es echte Expertise. Auch Wasser ist in vielen Fällen nicht sofort nötig. Keinesfalls sollte man dem Vogel etwas einflössen!

– Wärme, falls nötig. In der Regel bei Nestlingen … . Vorsichtig einwickeln ist ein Anfang.

– Kontaktaufnahme mit einer kundigen Person. Und das bitte sofort.

Wildvogelauffangstationen sind die Einrichtungen mit den meisten Experten zur Biologie von Wildtieren. Tierarztpraxen sind meist kurzfristig in der Lage zu helfen, aber für eine längerfristige Versorgung bis zur Rückführung in die Freiheit sind sie in der Regel nicht ausgerüstet.

Jungvogel braucht Ruhe und Dunkelheit
3. Was nicht – Häufige Fehler vermeiden
– falsches Futter kann tödlich sein. Füttern Sie nur, wenn Sie die Art und ihre Bedürfnisse genau kennen und das richtige Futter haben.

– zu lange warten. Insbesondere Nestlinge benötigen regelmäßig artgerechtes Futter und Wärme. Je schneller der Vogel in kundige Hände kommt, desto besser sind seine Überlebenschancen.

– mit nach Hause nehmen: artenschutzrechtlich sind Entnahmen von Wildtieren aus der Natur unzulässig, außer in begründeten Ausnahmen (siehe 1. Hilfe) oder mit einer Genehmigung.

4. Wohin? – Wildtierhilfe in Bayern und weiterführende Links
 

Die untenstehenden Links funktionieren:

Wildvogel- und Exotenhilfe – Tierschutzverein Deggendorf ist regional nah

https://www.wildtierschutz-deutschland.de informiert über Wildtierschutz und hat eine Liste mit Auffangstellen.

LBV – Gemeinsam Bayerns Natur schützen – LBV

Willkommen – Erste Hilfe für Singvögel ist eine Vogelschutzseite aus Norddeutschland

Wildtierhilfe – Wildes Bayern e.V. informiert über Anforderungen und rechtliche Grundlagen zu Auffangstationen

Artenschutzrecht | BfN

 

5. Tierarztpraxen sind keine Auffangstationen – was Tierärzte tun können

In dringenden Notfällen kann ein Tierarzt/eine Tierärztin eine erste Einschätzung abgeben, die Erstversorgung übernehmen oder das Tier von seinen Schmerzen erlösen.

Meine Praxis hat ihren Fokus bei der Gesundheit und Versorgung von Haustieren: Hund und Katze. Für Wildvögel bin ich nur im Notfall eine Anlaufstelle. Eine längerfristige und korrekte Versorgung von Wildtieren kann ich nicht anbieten.

Nur wenige Tierarztpraxen sind auf Vögel spezialisiert und können einen Vogel eventuell über längere Zeit pflegen. Die oben genannten Wildtierstationen sind der korrekte Ansprechpartner, wenn es um längerfristige Versorgung eines Wildvogels/Wildtiers geht.

Was bleibt noch zu sagen?
Rettung von Wildvögeln: das liegt auch mir am Herzen. Doch es braucht Wissen und natürlich die passenden Strukturen. Leider überleben nicht alle Vögel. Aber wir können ihre Chancen erhöhen, wenn wir richtig handeln.

Die gleichen Bedingungen gelten übrigens für Wildtiere allgemein.

Wildvögel und Wildtiere gehören in die Natur. Ihre Rettung ist Teamwork: Beobachter/Finder, Tierärzte, Auffangstationen